ERWITTE. Seit über einem Jahr schon ist ein
kleiner Aspekt der Erwitter Geschichte Mittelpunkt der
Nachforschungen von Leo Feijten und Marian Nicolasen aus
Nimwegen in den Niederlanden: Das Schicksal der Familie
Eichenwald, die in einem heute abgerissenen Haus am Hellweg in
Erwitte lebte.
Feijten war mit der Familiengeschichte in Kontakt gekommen, weil
er als Psychologe die Pflegeschwester von Horst Eichenwald bis
zu deren Tod betreut hatte. Horst, 1932 geboren und in Erwitte
aufgewachsen, war 1939 von seinen Eltern nach Holland geschickt
worden, in der Hoffnung, ihn so vor den Nationalsozialisten zu
retten.
Hier war er zunächst in Kinderheimen und dann bei einer jüdischen
Familie untergebracht. Nach dem Einmarsch der Deutschen war er,
wie seine Pflegefamilie auch, abtransportiert worden und als
Zehnjähriger im Vernichtungslager umgekommen.
Nur eine Pflegeschwester, als Rüstungsarbeiterin bei Phillips
eingesetzt, überlebte nach einer Odyssee durch die Niederlande,
Deutschland und Schweden den Krieg, konnte aber ihre
schrecklichen Erlebnisse nie vollständig verarbeiten.
Gespräch mitLiesel Mursch
Um die Lebensgeschichte dieser Frau aufzuschreiben und das Gedächtnis
nach Horst Eichenwald aufrecht zu halten, forschen nun Feijten
und Nicolasen nach der Familie Eichenwald.
Bei einem Besuch im Stadtarchiv trafen die beiden sympathischen
Niederländer Liesel Mursch, die sich gut an ihre früheren
Nachbarn erinnern kann. Insbesondere die Ereignisse der
Reichsprogromnacht waren ihr noch vollständig vor Augen, als
die Familie Eichenwald vor den Schlägern der SA zum Gasthof
Kessing floh, dort von der Mutter von Liesel Mursch im Garten
versteckt wurde und schließlich, vom Regen total durchnässt
und von den Ereignissen eingeschüchtert und verstört, weinend
in der Küche der Kessings stand.
Alle Familienmitglieder, die Mutter Regina, das Ehepaar Walter
und Helene und die Kinder Horst und Werner überlebten das
Unrechtsregime nicht. Regina war noch nach Wuppertal in ein jüdisches
Altenheim umgezogen und wurde von dort abtransportiert.
Die Eltern Walter und Helene mussten in Erwitte ihr Haus räumen
und wurden mit dem 1935 geborenen Sohn Werner vom Haus Schreiber
am Markt aus abgeholt, nachdem Werner zunächst im jüdischen
Waisenhaus in Paderborn seine Schulausbildung begonnen hatte,
und Horst, zur Rettung in die Niederlande geschickt, entging
dort den Häschern nicht.
Hinweistafelanbringen
Feijten äußerte in dem Gespräch, das im Stadtarchiv begann
und sich bis in den Abend hinzog, die Überlegung, ob man nicht
an geeigneter Stelle eine Hinweistafel mit den Namen der
deportierten und umgebrachten jüdischen Mitbürger anbringen könne,
damit neben der Erinnerung an die jüdische Gemeinde durch das
Denkmal am alten Judenfriedhof auch an das Schicksal der
Personen erinnert wird. |