Lokales / ERWITTE/ANRÖCHTE 16.01.2001

Schicksal einer jüdischen Familie

Ein Aspekt der Erwitter Geschichte steht im Mittelpunkt der Nachforschungen des Niederländers Leo Feijten

ERWITTE. Seit über einem Jahr schon ist ein kleiner Aspekt der Erwitter Geschichte Mittelpunkt der Nachforschungen von Leo Feijten und Marian Nicolasen aus Nimwegen in den Niederlanden: Das Schicksal der Familie Eichenwald, die in einem heute abgerissenen Haus am Hellweg in Erwitte lebte.

Feijten war mit der Familiengeschichte in Kontakt gekommen, weil er als Psychologe die Pflegeschwester von Horst Eichenwald bis zu deren Tod betreut hatte. Horst, 1932 geboren und in Erwitte aufgewachsen, war 1939 von seinen Eltern nach Holland geschickt worden, in der Hoffnung, ihn so vor den Nationalsozialisten zu retten.

Hier war er zunächst in Kinderheimen und dann bei einer jüdischen Familie untergebracht. Nach dem Einmarsch der Deutschen war er, wie seine Pflegefamilie auch, abtransportiert worden und als Zehnjähriger im Vernichtungslager umgekommen.

Nur eine Pflegeschwester, als Rüstungsarbeiterin bei Phillips eingesetzt, überlebte nach einer Odyssee durch die Niederlande, Deutschland und Schweden den Krieg, konnte aber ihre schrecklichen Erlebnisse nie vollständig verarbeiten.

Gespräch mitLiesel Mursch

Um die Lebensgeschichte dieser Frau aufzuschreiben und das Gedächtnis nach Horst Eichenwald aufrecht zu halten, forschen nun Feijten und Nicolasen nach der Familie Eichenwald.

Bei einem Besuch im Stadtarchiv trafen die beiden sympathischen Niederländer Liesel Mursch, die sich gut an ihre früheren Nachbarn erinnern kann. Insbesondere die Ereignisse der Reichsprogromnacht waren ihr noch vollständig vor Augen, als die Familie Eichenwald vor den Schlägern der SA zum Gasthof Kessing floh, dort von der Mutter von Liesel Mursch im Garten versteckt wurde und schließlich, vom Regen total durchnässt und von den Ereignissen eingeschüchtert und verstört, weinend in der Küche der Kessings stand.

Alle Familienmitglieder, die Mutter Regina, das Ehepaar Walter und Helene und die Kinder Horst und Werner überlebten das Unrechtsregime nicht. Regina war noch nach Wuppertal in ein jüdisches Altenheim umgezogen und wurde von dort abtransportiert.

Die Eltern Walter und Helene mussten in Erwitte ihr Haus räumen und wurden mit dem 1935 geborenen Sohn Werner vom Haus Schreiber am Markt aus abgeholt, nachdem Werner zunächst im jüdischen Waisenhaus in Paderborn seine Schulausbildung begonnen hatte, und Horst, zur Rettung in die Niederlande geschickt, entging dort den Häschern nicht.

Hinweistafelanbringen

Feijten äußerte in dem Gespräch, das im Stadtarchiv begann und sich bis in den Abend hinzog, die Überlegung, ob man nicht an geeigneter Stelle eine Hinweistafel mit den Namen der deportierten und umgebrachten jüdischen Mitbürger anbringen könne, damit neben der Erinnerung an die jüdische Gemeinde durch das Denkmal am alten Judenfriedhof auch an das Schicksal der Personen erinnert wird.